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Predigt am Israelsonntag, 05.08.2018, zu 1. Mose 33,1-16

Pfarrer Roija Weidhas

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Lasst uns in der Stille beten. - - -

Liebe Gemeinde, Sie kennen die Geschichte von den beiden Zwillingsbrüdern Jakob und Esau. Jakob betrügt Esau um den Segen des Vaters. Esau droht darauf Jakob umzubringen. Jakob flieht weit weg zu seinem Onkel, arbeitet dort fleißig, heiratet 2 Cousinen, wird 12facher Vater und unglaublich reich. Der Onkel schickt Jakob schließlich weg und der zieht mit Familie, Sklaven und riesigen Viehherden los um sich neuen Wohn- und Weideplatz zu suchen. Dabei trifft er auf Esau. Von dieser Begegnung der verfeindeten Brüder erzählt der Predigttext aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 33:

Jakob hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit vierhundert Mann. Er stellte Frauen, Kinder und Mägde in eine Reihe und ging vor ihnen her. Als er zu seinem Bruder kam neigte er sich siebenmal zur Erde. Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sie weinten. Esau hob seine Augen auf und sah die Frauen mit den Kindern und sprach: Wer sind diese bei dir? Jakob antwortete: Es sind die Kinder, die Gott mir beschert hat. Und die Mägde traten herzu mit ihren Kindern und neigten sich vor Esau. Lea trat auch herzu mit ihren Kindern und sie neigten sich vor ihm. Danach traten Josef und Rahel herzu und sie verneigten sich auch. Esau sprach: Was willst du mit all den Herden, denen ich begegnet bin? Er antwortete: Dir schenken, dass ich Gnade finde vor meinem Herrn. Esau sprach: Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast.  Jakob antwortete: Ach nein! Hab ich Gnade gefunden vor dir, so nimm mein Geschenk von meiner Hand; denn du hast mich freundlich angesehen und ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.  Nimm doch diese Segensgabe von mir an, die ich dir zugebracht habe; denn Gott hat sie mir beschert, und ich habe von allem genug. So nötigte er ihn, dass er sie nahm. Esau sprach: Lass uns aufbrechen, ich will mit dir ziehen. Jakob aber sprach zu ihm: Mein Herr ziehe vor seinem Knechte her. Ich will gemächlich hintennach treiben, wie das Vieh und die Kinder gehen können, bis ich komme zu meinem Herrn nach Seïr. Esau sprach: So will ich doch bei dir lassen etliche von meinen Leuten. Er antwortete: Ist das denn nötig? Lass mich nur Gnade vor meinem Herrn finden. So zog Esau an jenem Tage seines Weges nach Seïr. - Der Herr segne an uns dieses Wort.

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Liebe Gemeinde, ich habe hier eine Nachrichtenmeldung aus der Tagesschau von vor heute früh um 7 Uhr, die ich ihnen an dieser Stelle weitergeben möchte:

Gestern in den Nachmittagsstunden traf sich der Präsident Israels Reuven Rivlin, der Israelische Premierminister Benjamin Nethanjahu, der Präsident der staatlichen Einheit Mahmud Abbas, sowie der palästinensische  Premierminister  Rami Hamdallah im palästinensischen Regierungssitz in Ramalla im Westjordanland. Bei dem Treffen mit zugegen war auch der Führer der im Gazastreifen herrschenden Organisation Hamas | Ismail Haniyya. Das Treffen war zustande gekommen auf Initiative des israelischen Regierungskabinetts um eine gegenseitige Aussöhnung der beiden verfeindeten Nationen, verbunden mit gegenseitiger staatlicher Anerkennung, kurzfristig herbeizuführen.

Der im Geheimen ausgehandelte Staatsbesuch ist verbunden mit einer Anzahl zeitgleich stattfindender, Frieden stiftender und Vertrauen bildender Maßnahmen wie der Öffnung aller Grenzübergänge und Einstellung aller Kontrollen an den Grenzen zwischen israelischen und palästinensischen Gebieten.

Rivlin und Netanjahu sicherten ihren palästinensischen Kollegen die zeitnahe Räumung der Häuser von israelischen Siedlern im Westjordanland zu, sowie deren Übergabe an die vormaligen palästinensischen Eigentümer der Grundstücke oder den palästinensischen Staat, dessen Anerkennung durch Israel und die UNO nichts mehr im Weg stehe. Diesen Entschluss bekräftigten Rivlin und Nethanjahu  auf einer Pressekonferenz am Abend. Dabei versprachen sie auch die umgehende Freigabe von Mitteln für den Wiederaufbau im Gazastreifen, die Eröffnung von Schulen und Hochschulen für palästinensische Kinder und Jugendliche, sowie die Schaffung von einer halben Million Arbeitsplätzen im gemeinsamen Grenzgebiet, zu denen bevorzugt Bürgerinnen und Bürger aus Palästina Zugang erhalten sollen. Hamas-Führer Haniyya erklärte anschließend, dass seine Organisation mit sofortiger Wirkung den Staat Israel anerkenne, und dass alle dem entgegenstehenden Handlungsziele und Bestimmungen sowie das Hamas-Emblem geändert und der neuen Situation angepasst würden. Sämtliche ihrer Raketen und Sprengstofflager sollen so bald möglich an Uno-Beauftragte zur Beseitigung übergeben werden. Der Besuch endete mit einem Staatsbankett, zu dem der palästinensische Präsident die israelischen Gäste einlud. - Inzwischen sprachen staatliche und religiöse Führer aus aller Welt den Regierenden der beiden Länder ihre Anerkennung aus und äußerten große Hoffnung auf eine beginnende grundlegende Befriedung der Gebiete des Nahens Ostens.

 Dazu noch einen Bericht des ARD-Auslands-Korrespondenten Mike Lingenfelser aus Tel Aviv, der im Anschluss an die Tageschau gesendet wurde:

In ganz Israel gibt es heute Abend nur ein Thema: die Friedens- und Versöhnungsinitiative zwischen Israel und den Palästinensern, ausgelöst von der israelischen Regierung. Auf der Straße, in Cafés und in Bussen diskutieren die Menschen leidenschaftlich den überraschenden großen Schritt Ihrer Regierung. Die Meinungen schwanken zwischen Begeisterung und Misstrauen. Jeder fragt sich, was der Politikwechsel für seinen persönlichen Alltag bedeutet, welche Perspektiven sich auftun und welche Geschäfte jetzt möglich werden. Schroff kritische Stimmen zu dem Großereignis sind nur aus der ultraorthodoxen Community zu hören. Dort wird der Schritt der israelischen Regierung als endgültiger Verrat an der jüdischen Geschichte und Tradition bewertet. Von einem Rabbiner aus der liberalen Tradition war in einem Fernsehkommentar zu hören, dieser politische Schritt sei längt überfällig gewesen und ereigne sich in historischer Parallele zu der biblischen Geschichte von der Wiederbegegnung der Zwillingsbrüder Jakob und Esau Jahrzehnte nach einer schwerwiegenden Unrechtstat, die der eine Bruder dem anderen angetan hatte. Die meisten Menschen aber denken jetzt nach vorn. Viele hoffen, dass die neue Entwicklung mit großzügigen Kreditvergaben für kleine und mittlere Unternehmen verbunden wird, damit das wirtschaftliche Potential, das in der neuen Politiklinie steckt, zur Entfaltung gebracht werden könne. Die arabischen Bürger Israels geben ihrer Freude besonders lautstarken Ausdruck. In den Großstädten Israels ziehen sie mit Trommeln und Vuvuzelas durch die Straßen ihrer Stadtviertel. Sie freuen sich besonders darauf, ihre Verwandten im Westjordanland und im Gazastreifen wieder ungehindert besuchen zu können und von diesen besucht zu werden. In einem arabischen Restaurant in Tel Aviv, das wir heute Nacht besuchten, wurden zur Feier des Ereignisses jüdische Gäste kostenlos bewirtet. Ähnliches wurde uns aus Ramalla, Bethlehem und Jerusalem berichtet. - Soweit ARD-Auslands-Korrespondenten Mike Lingenfelser  aus Tel Aviv .

 Ich verlese noch einen Auszug aus der Stellungnahme der Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie sagte auf einer Sonderpressekonferenz:

Die so unerwartete gute Nachricht aus Israel und Palästina erfüllt mich und alle friedliebenden Menschen in Deutschland mit großer Freude und Genugtuung. Es sieht aus, als rücke eine Befriedung nicht nur der beiden Nationen, sondern des ganzen Nahen Ostens in greifbare Nähe. Damit erfüllt sich die Hoffnung sehr vieler Menschen auf der ganzen Welt. Wenn dieser Neubeginn in den Beziehungen der beiden Länder so erfolgreich weiterverläuft, wie er gestern begonnen hat, wird er auf diplomatischer Ebene von Deutschland alle wünschenswerte und notwendige Unterstützung erhalten. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass Deutschland beiden Nationen beim Aufbau ihre Länder mit großzügiger Kreditvergabe zu Hilfe kommen wird. Genaue Angaben zur Höhe der Vergabe sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Ich bin mir aber sicher, dass alle demokratisch gesinnten Kräfte in unserem Land darüber bald zu einer Einigkeit finden.  -  Soweit das Zitat aus einer Rede der Bundeskanzlerin in einer Sondersendung der ARD.

 Auch der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, äußerte sich zu den Ereignissen. Er sagte unter anderem:

Heute, an diesem Sonntag, den wir evangelischen Christen in Deutschland in einer guten Tradition als Israel-Sonntag begehen, dürfen wir nach einer Minute des Innehaltens und Staunens über die politischen Ereignisse in Israel und Palästina voller Freude und Dankbarkeit singen und beten. Was noch bis vorgestern undenkbar erschien, und wofür trotzdem seit Jahrzehnten in aller Welt gebetet wurde, dass zwei in Gegnerschaft, in negativen Vorurteilen und Erinnerungen gefangene Regierungen aufeinander zugehen und ein Ende aller Gegnerschaft und einen Neuanfang beschließen und der Weltöffentlichkeit verkünden - das ist Wirklichkeit geworden. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte kann damit beginnen. Millionen Menschen sind glücklich, das mit zu erleben.

Soweit einige Sätze von EKD-Ratspräsident Bedford-Strom.
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